
Patrick WeissingerKreativität gegen die Wegwerfmentalität
Beim waldviertler Unternehmer wird Kreativität zur Triebkraft ökologischer Transformation.
Patrick Weissinger, Gründer von Everdoo aus dem Waldviertel, zeigt eindrucksvoll, wie Kreativität zur Triebkraft ökologischer Transformation werden kann. Seine Geschichte ist gleichzeitig die Geschichte von Beharrlichkeit, unzähligen Rückschlägen und der Überzeugung, dass sich neue Wege auszahlen, wenn man bereit ist, lange genug dafür zu kämpfen. Seine Knetmasse ist heute nicht nur ein Kinderspielzeug, sondern der Versuch, eine ganze Branche neu und nachhaltiger zu denken.
Wenn Innovation dort entsteht, wo niemand sucht
Eigentlich kommt Patrick nicht aus der Spielwarenbranche. Viele Jahre arbeitete er in der Entwicklung neuer Technologien mit Glasfasern. Seine Projekte reichten von Sensoren in Bohrlöchern über Messtechnik auf Satelliten bis hin zu Systemen zur Beobachtung tektonischer Bewegungen am Meeresboden. „Ich dachte mir, das haben bestimmt schon hundert Firmen im Angebot“, erinnert sich Patrick an den Moment, als die Idee zu Everdoo entstand. Doch das stimmte so nicht ganz, wie sich nach umfangreicher Recherche herausstellen sollte.
Bei einer technologischen Entwicklung stieß der Familienvater auf ein Verfahren, mit dem Farben simuliert und später wieder unsichtbar gemacht werden können. Die ursprüngliche Idee scheiterte zwar. Doch wie so oft in kreativen Prozessen entstand aus einem Misserfolg plötzlich etwas völlig Neues. Als seine Tochter begann, mit Knete zu spielen, fiel ihm auf, wie kurzlebig das Produkt eigentlich ist. Farben vermischen sich, die Masse trocknet aus und landet irgendwann im Müll. Eine Frage ließ ihn nicht mehr los: Könnte man die Technologie zur Farbneutralisierung nicht in Knete integrieren?
Der erste Versuch fand in der heimischen Garage statt. Mit selbst hergestellter Knetmasse und speziellen Pigmenten gelang etwas, das ihn selbst überraschte. Die Farben ließen sich tatsächlich immer wieder neutralisieren. Was zunächst wie ein kleines Experiment aussah, entwickelte sich schnell zu einer Entdeckung mit internationalem Potenzial.
Nachhaltigkeit beginnt dort, wo man Geschäftsmodelle hinterfragt
Viele Unternehmen verbessern bestehende Produkte. Patrick stellte stattdessen das gesamte System dahinter infrage. Bei seiner Marktanalyse fiel ihm auf, dass praktisch alle Anbieter nach demselben Prinzip funktionieren, dass Verschleiß Nachkaufbedarf erzeugt. Die Produkte werden verbraucht und müssen ersetzt werden. Aus wirtschaftlicher Sicht ist das nachvollziehbar. Aus Sicht von Nachhaltigkeit und Ressourcenverbrauch jedoch problematisch.


„Mir wurde klar, dass Knetmasse, wie wir sie heute kennen, ein von der Gesellschaft akzeptiertes Wegwerfprodukt ist.“
Patrick Weissinger
Hier zeigt sich die Rolle von Kreativität in der ökologischen Transformation. Nachhaltige Innovation entsteht oft nicht durch kleine Anpassungen, sondern durch die Bereitschaft, bestehende Muster grundsätzlich zu hinterfragen. Everdoo verfolgt deshalb einen anderen Ansatz. Anstatt lediglich Knetmasse zu verkaufen, entwickelt das Unternehmen ein modulares Creative-Play-System. Im Mittelpunkt stehen Langlebigkeit, Produktsicherheit, pädagogischer Mehrwert und kreative Erweiterbarkeit. Die ersten Produkte sind nie trocknende Knetmassen in unterschiedlichen Härtegraden und bewegen sich damit teilweise auch in einem Bereich, den viele Kreative von Plastilin kennen. Die Knete trocknet nicht aus, Zubehör soll echten Nutzen bieten und neue Anwendungen entstehen laufend. Aus einer Produktidee wurde eine Plattform für kreatives Spielen und Lernen.

Sechs Jahre zwischen Hoffnung und Frust
Von außen wirken viele Innovationen überraschend einfach. Eine Produktidee entsteht, das Produkt wird produziert und anschließend verkauft. Die Realität sieht meistens anders aus. Bei Everdoo lagen zwischen der ersten Idee und den marktreifen Produkten rund sechs Jahre Entwicklung. Jahre voller Unsicherheit, finanzieller Belastung und technischer Herausforderungen. Der Waldviertler Unternehmer investierte nicht nur einen erheblichen Teil seiner Ersparnisse. Bis heute arbeitet er zusätzlich in einem Vollzeitjob mit internationaler Reisetätigkeit.
„Es gab viele Momente, an denen ich das Handtuch werfen wollte.“
Patrick Weissinger
Ein Satz, den wahrscheinlich viele Gründer:innen nachvollziehen können. Wer Neues entwickelt, stößt zwangsläufig auf Probleme, die niemand vorhersehen kann. Lösungen kosten Zeit, Geld und oft auch Nerven. Viele Ideen scheitern nicht an mangelnder Kreativität, sondern daran, dass der Weg von der Idee zur Umsetzung länger dauert als erwartet. Gerade deshalb ist Patricks Geschichte ein wichtiges Gegenbild zur oft romantisierten Startup-Welt. Hinter jeder erfolgreichen Innovation stehen unzählige Entscheidungen, Fehlversuche und Anpassungen. Nicht das Talent allein entscheidet über den Erfolg, sondern häufig die Fähigkeit weiterzumachen, wenn Fortschritte kaum sichtbar werden.
Kreativität braucht ein Umfeld, das sie trägt
Wer mit Patrick spricht, merkt schnell, dass Everdoo kein Einzelprojekt ist. Eine entscheidende Rolle spielt seine Familie. Während er zwischen Entwicklung, Produktion und Vollzeitjob pendelt, unterstützt ihn seine Frau in vielen Bereichen des Unternehmens. Sie kümmert sich um Verpackung, Kundenkommunikation und die Entwicklung neuer Figuren. Auch die gemeinsame Tochter wächst eng eingebunden in die Entstehung von Everdoo auf.
Statt passiver Bildschirmzeit wird gemeinsam geknetet, experimentiert und ausprobiert.
Diese Form des kreativen Alltags ist mehr als eine persönliche Anekdote. Sie zeigt, dass Innovation selten isoliert entsteht. Kreative Projekte benötigen Menschen, die daran glauben, sie mittragen und Stabilität schaffen, wenn Herausforderungen auftreten. Gerade in Zeiten, in denen kreative Selbstständigkeit oft von Unsicherheit geprägt ist, ist das eine wertvolle Erinnerung.
Der Moment, in dem plötzlich alles schneller geht
Manche Entwicklungen lassen sich planen, andere nicht. Nur wenige Wochen nach dem Marktstart erhielt Everdoo eine Nachricht auf Instagram. Der Absender war der Musiker Kay One. Nach ersten Gesprächen und Produkttests teilte Kay One seine Begeisterung öffentlich auf Social Media. Die Folge war ein sprunghafter Anstieg der Aufmerksamkeit. Plötzlich interessierten sich auch andere bekannte Persönlichkeiten für das junge Unternehmen und neue Möglichkeiten entstanden.
Doch besonders bemerkenswert ist nicht die Prominenz, sondern der Umgang damit. Anstatt sich vom Hype treiben zu lassen, integrierte das Team die neue Situation systematisch in seine Unternehmensstrategie. Marketingmaßnahmen wurden angepasst, neue Vertriebsmöglichkeiten aufgebaut und langfristige Ziele nicht aus den Augen verloren. Manchmal braucht es einen kleinen Funken Glück. Ob daraus nachhaltiger Erfolg entsteht, entscheidet jedoch die Vorbereitung.
Warum kreative Lösungen für die ökologische Transformation unverzichtbar sind
Wenn über Nachhaltigkeit gesprochen wird, stehen oft Technologien, Energie oder Produktion im Mittelpunkt. Dabei wird die entscheidende Ressource der kreativen Denkweise häufig unterschätzt. Everdoo ist ein gutes Beispiel dafür. Die eigentliche Innovation liegt nicht nur in einer neuen Knete. Sie liegt in der Bereitschaft, ein gesellschaftlich akzeptiertes Wegwerfprinzip infrage zu stellen und völlig neu zu denken.
Genau solche Perspektivwechsel brauchen wir für die ökologische Transformation. Kreative erkennen Potenziale dort, wo andere Gewohnheiten sehen. Sie verbinden Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen, hinterfragen bestehende Systeme und entwickeln Alternativen, die wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll sein können. Patrick hat eine Idee aus der Hochtechnologie in die Welt des Spielens übertragen und damit einen völlig neuen Ansatz geschaffen. Das zeigt eindrucksvoll, wie wertvoll kreative Denkprozesse für Innovation und Nachhaltigkeit sein können.



Was wir von Patrick lernen können
Die Geschichte von Everdoo ist noch lange nicht zu Ende. Neue Produktlinien sind in Entwicklung, Anwendungen im therapeutischen Bereich stehen bevor und die Vision reicht weit über den aktuellen Markt hinaus. Für Kreative steckt darin eine starke Botschaft:
Nicht jede gute Idee wird sofort verstanden. Nicht jedes Projekt entwickelt sich geradlinig. Und nicht jede Innovation zeigt ihre Wirkung von Anfang an. Aber genau deshalb lohnt es sich, dranzubleiben.
Wer den Mut hat, bestehende Systeme zu hinterfragen, unterschiedliche Wissenswelten miteinander zu verbinden und Rückschläge als Teil des Prozesses zu akzeptieren, schafft oft jene Innovationen, die später selbstverständlich erscheinen. Oder wie Patrick es vorlebt: Manchmal beginnt eine Revolution nicht im Forschungslabor, sondern mit einer Portion Knete auf dem Küchentisch.
Patrick zeigt, dass Kreativität nicht nur neue Produkte hervorbringt. Sie kann ganze Branchen verändern. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten für eine nachhaltige Zukunft.