
Johanna ViglHier werden Pflanzen zu leuchtenden Farben
Mit ihren leuchtenden Pflanzenfarben verbindet Johanna Vigl Kunst, Natur, Bildung und Unternehmertum auf einzigartige Weise.
Aus der Pflanze in den Malkasten
Begonnen hat Johannas Weg mit der Frage nach einem bewussteren Umgang mit Materialien. Heute ist ein kreatives Wirkungsfeld mit eigenen Farbkästen, Workshops und einer tiefen Auseinandersetzung mit Pflanzenethik daraus entstanden. Manche kreative Wege entstehen aus einer klaren Entscheidung. Andere wachsen langsam, fast unbemerkt, bis sie eines Tages ihre Richtung offenbaren, wie bei Johanna Vigl.
Mehr als ein Tagtraum
Schon als Kind trug Johanna ein Bild in sich, in dem sie sich in einem Atelier unter einem Dachgiebel sah, umgeben von Grün, arbeitend an Kinderbüchern und malend mit selbst hergestellten Farben. Damals schien diese Vorstellung eher Tagtraum als Lebensplan zu sein. Ihr beruflicher Weg führte sie zunächst ins Klassenzimmer. Sie wurde Lehrerin, der Wunsch nach künstlerischem Arbeiten blieb aber im Hintergrund präsent.
Heute entwickelt sie eigene Pflanzenfarben, gibt Workshops für Kinder und Erwachsene, beschäftigt sich intensiv mit Pflanzenethik und hat einen Farbkasten mit leuchtenden Pflanzenfarben auf den Markt gebracht. Betrachtet man ihren Weg rückblickend, wirkt vieles beinahe folgerichtig. Damals war das jedoch keineswegs offensichtlich.
Die Schlüsselerfahrung im Klassenzimmer
Es gab einige Momente, die Johanna dazu brachten, über Farben und Materialien nachzudenken. Allergische Reaktionen auf gefärbte Stoffe etwa. Das Arbeiten mit konventionellen Bodypaintingfarben. Oder die Frage, was eigentlich passiert, wenn Aquarellfarben in der Natur verwendet werden und anschließend mit dem Regen in den Boden gelangen. Der entscheidende Impuls kam jedoch im ersten Lockdown 2020. Als Lehrerin suchte sie nach Möglichkeiten, Naturerfahrungen trotz geschlossener Ausflugsmöglichkeiten ins Klassenzimmer zu holen. Dafür besorgte sie einen Farbkasten mit Pflanzenfarben und probierte ihn gemeinsam mit ihren Schüler:innen aus. Die Reaktion der Kinder überraschte sie.


„Was, die Farben sind aus Pflanzen gemacht?“
Plötzlich entstanden Gespräche über Karotten, Rote Bete oder Johannisbeeren. Fragen wurden gestellt, Geschichten erfunden und Fantasien entwickelt. Obwohl die Kinder mitten in Wien in einem pflanzenfreien Lernraum saßen, öffnete sich durch die Farben ein Zugang zur Natur.
„Es war erstaunlich und berührend, wie die Pflanzenfarben die Kinder und mich in die Natur, ihre Kreisläufe und Wunder einluden“, erinnert sich Johanna. Die getesteten Farben konnten allerdings in zwei Punkten nicht überzeugen: Sie waren aus Nahrungsmitteln hergestellt und zudem deutlich blasser als die gewohnten synthetischen Produkte. Die Kinder griffen schließlich wieder zu den herkömmlichen Farben. Genau das motivierte Johanna umso mehr, ihre eigenen Farben herzustellen.
Als Tochter eines Gemälderestaurators und Enkelin eines malenden Großvaters wusste sie, wie leuchtend natürliche Pigmente sein können. Sie begann zu recherchieren, zu experimentieren und sich die Frage zu stellen, ob Pflanzenfarben nicht ebenso strahlend und ausdrucksstark sein könnten wie konventionelle Farben.
Ein Weg, der wie eine Pflanze wächst
Wer Johanna Vigl zuhört, merkt schnell, dass sie ihre Arbeit nicht als lineares Projekt versteht. Vielmehr beschreibt sie ihren Entwicklungsprozess als etwas zutiefst pflanzliches, als offen, zirkulär, verbunden und nicht vollständig planbar. Um Pflanzen als Material besser zu verstehen, absolvierte sie zunächst eine Ausbildung für botanische Grundkenntnisse. Später widmete sie ihre Diplomarbeit dem Thema, wie Kinder Aquarellfarben aus Wildpflanzen und Kräutern selbst herstellen können. Dabei tauchte sie tief in die Geschichte der Pflanzenfarben ein.
Über viele Jahrhunderte hinweg entwickelten Menschen weltweit ein beeindruckendes Wissen über Färberpflanzen. Die Farben stecken dabei oft an Orten, an denen man sie zunächst gar nicht vermuten würde: in Wurzeln, Samen, Rinden, Blättern oder Blüten.


In den Wurzeln des Färberkrapps findet sich ein kräftiges Rot. Die Färberdistel schenkt ein warmes Gelb. Eicheln können sanfte Brauntöne hervorbringen. Besonders faszinierte Johanna die Erkenntnis, dass viele dieser Farbstoffe nicht sichtbar sind, solange sie sich in der Pflanze befinden. Erst durch bestimmte Verfahren werden sie freigesetzt. Heute vermittelt sie dieses Wissen in Workshops weiter. Dort lernen Kinder und Erwachsene unter anderem die Technik des Kaltauszugs kennen, mit der sich Pflanzenfarben vergleichsweise einfach herstellen lassen.
Parallel dazu entwickelte sich eine weitere Ebene ihrer Arbeit. Eine Reise nach Ägypten im Jahr 2022 führte sie zu Fragen rund um nachhaltige Textilproduktion und Pflanzenfärbung. Wie könnten große Mengen Bio-Baumwolle ohne problematische Zusatzstoffe gefärbt werden? Welche Verantwortung entsteht, wenn Pflanzen zunehmend als Rohstoff genutzt werden? Aus diesen Fragen entstand ein vertieftes Interesse an Pflanzenethik, das heute auch ihr Philosophiestudium prägt.
Wenn das Material mitgestaltet
Viele Kreative sprechen davon, dass Materialien Einfluss auf ihre Arbeit haben. Bei Johanna erhält dieser Gedanke eine besondere Dimension. Für sie sind Pflanzen nicht einfach Ressourcen, sondern Lebewesen, mit denen sie in Beziehung tritt.
„Das Material ist nicht nur Mittel zur Form.“
Johanna Vigl
Diese Haltung beeinflusst nahezu jede Entscheidung in ihrem Alltag. Sie beginnt beim Anbau und der Pflege von Pflanzen, setzt sich bei Ernte, Trocknung und Lagerung fort und reicht bis zur Gestaltung ihrer Workshops. Dabei geht es ihr um Aufmerksamkeit und Kooperation. Wie reagieren Pflanzen auf bestimmte Eingriffe? Welche Bedingungen fördern ihr Wachstum? Welche Prozesse entstehen, wenn man sich stärker am Wesen des Materials orientiert, statt es ausschließlich nach den eigenen Vorstellungen zu formen?
Für Johanna bedeutet nachhaltiges Arbeiten deshalb weit mehr als die Wahl eines ökologischen Rohstoffs. Es geht um einen bewussten Umgang mit dem gesamten Entstehungsprozess, um das genaue Hinsehen und um die Bereitschaft, sich vom Material selbst überraschen zu lassen. Diese Offenheit prägt auch ihre künstlerische Praxis beim freien Malen oder dem Illustrieren von Büchern. Statt Pflanzenfarben ständig mit synthetischen Produkten zu vergleichen, möchte sie deren Eigenart sichtbar machen. Ihre Farben sollen nicht überzeugen, indem sie etwas imitieren, sondern indem sie zeigen, was sie selbst charakterisiert.
Was Pflanzenfarben in Menschen auslösen können
Teilnehmer:innen an Johannas Workshops kommen selten nur mit neuen Farbkenntnissen nach Hause. Immer wieder beobachtet Johanna ähnliche Erfahrungen bei den Teilnehmer:innen. Da ist das Staunen über die Leuchtkraft der Farben. Die Freude daran, mit den Händen zu arbeiten, das unmittelbare Erleben unterschiedlicher Pflanzenstrukturen und die Überraschung darüber, wie viele Farbtöne sich durch kleine Veränderungen, etwa des pH-Werts, erzeugen lassen. Vor allem aber beschreibt sie eine besondere Atmosphäre.
Viele Menschen berichten, dass die Pflanzenfarben etwas Sanftes und Öffnendes haben. Sie beschreiben, dass sie zur Ruhe einladen und den Blick verändern. Darin sieht Johanna eine wichtige Qualität ihrer Arbeit. Ihr geht es nicht allein um das Malen. Es geht auch um die Beziehung zur Natur, zu Materialien und zu den eigenen Wahrnehmungen.
„Ich wünsche mir, dass Kinder und Erwachsene mit Materialien und Prozessen in Kontakt kommen, die ihre Beziehung zur Natur stärken und ihr ökologisches Bewusstsein nähren“, sagt sie.


Kreativität zwischen Verantwortung und Vision
Wie viele Selbstständige kennt auch Johanna die Herausforderungen unternehmerischen Arbeitens. Eine der größten liegt für sie in der Verantwortung, die mit Wachstum einhergeht. Je größer ein Projekt wird, desto stärker wird auch seine Wirkung. Damit wachsen die Fragen nach Ethik, Nachhaltigkeit und langfristigen Konsequenzen. Besonders beschäftigt sie derzeit das zunehmende Interesse der Industrie an pflanzlichen Farbstoffen.
Während sie die Entwicklung nachhaltiger Alternativen grundsätzlich begrüßt, sieht sie die Gefahr, dass gewachsene Netzwerke kleiner Produzent:innen unter Druck geraten könnten.
Ihre Vision orientiert sich deshalb an kooperativen Modellen. An Strukturen, die bestehendes Wissen stärken, Vielfalt erhalten und Zusammenarbeit fördern. Trotz aller offenen Fragen blickt sie optimistisch nach vorne. Die Natur selbst liefert ihr dabei die wichtigste Inspiration.
„Pflanzen sterben bei Beschattung nicht sofort ab, sondern suchen und finden immer wieder einen neuen Weg zum Licht.“
Johanna Vigl

Dieser Satz beschreibt nicht nur Pflanzen besonders treffend, sondern auch kreative Wege. Denn manchmal entsteht das Spannendste genau dort, wo Neugier, Verantwortung und Gestaltungswille zusammenkommen. Johanna Vigl zeigt, wie aus einer einfachen Frage nach Farben eine kreative Praxis entstehen kann, die Kunst, Bildung und Nachhaltigkeit miteinander verbindet. Außerdem zeigt sie, wie viel Potenzial darin steckt, genauer hinzusehen, woher unsere Materialien kommen und welche Geschichten sie erzählen.